eds/(tru) Die Fastenzeit wird oft mit klassischem Verzicht verbunden: kein Alkohol, weniger Süßes, weniger Handy. Doch was wäre, wenn wir in dieser Zeit nicht auf Dinge verzichten, sondern auf Gewohnheiten?
Eine besonders spannende – und herausfordernde – Idee ist der bewusste Verzicht auf Meckern, Jammern und automatische Kritik.
Nicht, weil Kritik schlecht wäre. Sondern weil wir oft gar nicht merken, wie automatisch sie abläuft.
Für viele von uns gehört Meckern zum Alltag wie der Kaffee am Morgen.
Ein kurzer Kommentar über das Wetter, über andere Menschen, über uns selbst – fast beiläufig, fast unbemerkt. Genau hier liegt der Knackpunkt: Nicht die Kritik an sich ist problematisch, sondern der Automatismus dahinter. In der Fastenzeit kann es hilfreich sein, genau diesen Automatismus zu unterbrechen und sich zu fragen:
Kritik, Selbstkritik und Selbstreflexion sind wichtig. Sie helfen uns zu wachsen. Problematisch wird es dort, wo Bewertung unbewusst, schnell und hart wird – vor allem gegenüber uns selbst. Viele Menschen sind ihre strengsten Richter. Wenn diese innere Bewertung ständig und automatisch läuft, färbt sie unser gesamtes Denken:
Die Fastenzeit kann ein Trainingsfeld sein, um genau hier Tempo rauszunehmen.
Stell dir vor, deine Schwester zieht ein Kleid an, das dir überhaupt nicht gefällt.Der Impuls ist sofort da: bewerten, kommentieren, vielleicht sogar abwerten. Der kleine, aber entscheidende Schritt dazwischen wäre:
Kritik darf sein – aber sie kann achtsam und respektvoll formuliert werden. Oder man entscheidet sich bewusst, sie diesmal nicht auszusprechen.
Ganz wichtig: In der Fastenzeit geht es nicht darum, Gefühle zu unterdrücken. Jammern, Weinen, Lachen, Jubeln – das sind keine Luxusgüter, sondern Grundbedürfnisse. Emotionen zu unterdrücken wäre aus psychischer Sicht eher schädlich. Der Unterschied liegt woanders:
Echter Gefühlsausdruck vs. routiniertes Jammern
Wir Menschen neigen dazu, defizitorientiert zu denken. Evolutionär hat das Sinn gemacht. Heute führt es oft dazu, dass wir blitzschnell sehen, was nicht passt – während das Gute unter dem Radar verschwindet.
Unsere Sprache verstärkt das:
Die Fastenzeit kann eine Einladung sein, genau hier hinzuhören:
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach Einfluss und Verantwortung:
Nicht alles, was uns beschäftigt, ist auch unser Thema. Und nicht alles, was wir ständig kommentieren, können wir verändern. Loslassen ist nicht einfach – aber es schafft Freiraum. Freiraum für Dinge, die uns wirklich betreffen. Freiraum für das, was unser Thema ist.
Viele Menschen leben unter permanentem Druck. Fastenzeit kann hier mehr sein als „noch mehr Disziplin“. Vielleicht beginnt sie mit einer einfachen Erkenntnis:
Wir müssen nicht alles aushalten.
Ein Bild hilft dabei besonders gut: Eine Bergsteigerin auf dem Weg zum Gipfel. Der Rucksack wird immer schwerer – aber sie merkt es erst, als sie stehen bleibt. Die Pause ist unbequem. Aber sie eröffnet eine wichtige Frage:
Die Fastenzeit muss kein weiterer Leistungsauftrag sein. Sie kann eine Einladung sein:
Nicht durch Verzicht auf Gefühle – sondern durch Verzicht auf das, was automatisch und unreflektiert läuft.
Hier geht es zum Video.
Mehr von und über Maximilian Kurz-Thurn-Goldenstein: