Du bist Ostern
Das letzte Abendmahl
Der Soziologe Hartmut Rosa diagnostiziert unserer Gesellschaft, dass uns zunehmend die soziale Energie ausgeht. Seine These: Wir „vollziehen“ immer mehr, anstatt bewusst zu handeln. Endlose To-do-Listen füllen unseren Alltag – in der Arbeit ebenso wie in der Freizeit. Arbeit wird zur bloßen Pflichterfüllung, Freizeit zur Optimierungsplattform für Körper, Geist und Lebensumfeld. Soziale Kontakte werden dabei immer anstrengender, weil die notwendige Energie für echte Begegnung fehlt.
Am Gründonnerstag erinnern Christinnen und Christen an das Letzte Abendmahl: Wenn Jesus mit seinen Jüngern das Brot teilt, stiftet er eine neue Form von Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die uns in seine Nähe holt und uns an seinem Leben teilhaben lässt. Das ist trotz der Worte „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ mehr als ein bloßes Erinnerungsmahl.
Weil er das Brot für uns teilt, teilen wir seinen Leib und werden so Gemeinschaft: seine Gegenwart, die uns beschenken will – ein Geschehenlassen statt ein Vollziehen. Das Geschenk des Gründonnerstags kann gegen den Energieverlust der erschöpften Gesellschaft doppelt wirken: Es unterbricht den Druck, etwas sein oder tun zu müssen, und schafft die Demut, Ja zu sagen zu den Grenzen unseres Lebens – weil sich Gott uns ganz gibt.
Das Kreuz – Ostern am Hals?
Was ist das Kreuz eigentlich? Ein Schmuckstück für den Hals? Ein dekoratives Symbol? Ein Ärgernis im Klassenzimmer oder am Berggipfel? Der Apostel Paulus schreibt um das Jahr 50 nach Christus: Das Kreuz ist für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit. Viele stoßen sich daran, andere halten es für unsinnig.
Für Christinnen und Christen jedoch ist es mehr: ein Symbol – ein Geheimnis. Aber kein Rätsel, das nur Eingeweihte verstehen könnten. Vielmehr ist es eine Antwort auf die Frage: Wer war dieser Jesus von Nazareth? Sein Leben und sein Sterben bleiben in dieser Form in gewisser Weise geheimnisvoll gegenwärtig, als selbst der heidnische Hauptmann im Markusevangelium beim Tod Jesu sagt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Mit anderen Worten: Im Sterben zeigt sich, wer Jesus war – und wer er ist.
Und noch etwas wird sichtbar: das ganze Drama der Heilsgeschichte – der Welt und jedes einzelnen Menschen. Dass wir dieses Zeichen oft so beiläufig um den Hals tragen, mag irritieren. Und doch erinnert es uns an Ostern. Mehr noch: Wir tragen Ostern mit uns. Denn wenn wir genau hinsehen, erkennen wir: Da hängt nicht einfach ein Symbol – da hängt ein gekreuzigter Mensch. Für Christen wahrer Mensch und wahrer Gott.
Du bist Ostern
Du bist Ostern. Denn er ist auferstanden. Das Osterfest ist da. Vielleicht selbstverständlicher als sonst, weil uns so viele andere Dinge beschäftigen, bedrücken und belasten. Damit es nicht einfach an uns vorbeiläuft, können wir in diesem Jahr neu die existenzielle Bedeutung dieses Fests für jede und jeden von uns entdecken. Dazu ein paar Gedanken darüber, was wir Christinnen und Christen eigentlich feiern.
Wir erinnern nicht an einen Verstorbenen, wir vertreten keinen Abwesenden – wir feiern einen neu Gegenwärtigen: Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist. Seine neue Gegenwart überlässt das Osterfest nicht den Geschichtsbüchern, sondern nimmt uns – dich und mich – hinein in das Geheimnis der Heilsgeschichte.
Weil er wahrhaftig auferstanden ist, weil er den Tod überwunden hat, dürfen auch wir diese Hoffnung für uns annehmen. Weil er wirklich vom Tod ins Leben gegangen ist, haben wir eine Zukunft in Ewigkeit.
Aus dieser Zusage kann ein neues Bewusstsein wachsen – eines, das unsere Haltung verändert und uns anders in unseren Alltag, in unsere Beziehungen und in die Herausforderungen unseres Lebens gehen lässt:
Du bist Ostern
Wenn Liebe stärker ist als Rückzug.
Du bist Ostern
Wenn Hingabe und Selbstlosigkeit gelingen.
Du bist Ostern
Wenn du in deinem Leben nach Gott fragst.
Diese Wirklichkeit kann aufscheinen – weil er auferstanden ist.