Jüngerin, Prostituierte oder Geliebte von Jesus – jede dieser drei Bezeichnungen beschreibt Maria in einem Verhältnis zu einem Mann. In der antiken patriarchalen Gesellschaft ist es nicht unüblich, Frauen über Beziehungen zu Männern zu benennen: „Maria, die Frau des Kleopas“ (Joh 19,25); „die Mutter der Söhne des Zebedäus“ etc. (Mt 27,56) Nur Maria aus Magdala ist über ihre Herkunft benannt, was vermuten lässt, dass sie nicht verheiratet ist oder verwitwet. Sie wird in allen Evangelien als eigenständige Frau erwähnt, über deren Vergangenheit nicht viel gesagt werden kann.
Alle vier Evangelien haben eine wesentliche Erzählung gemeinsam: Maria aus Magdala zählt zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung und berichtet den übrigen Aposteln vom leeren Grab. Im Markus und Matthäusevangelium ist das auch die einzige – wenn auch überaus wichtige Erwähnung. Lukas und Johannes schreiben mehr über Maria aus Magdala, doch genau hier beginnen sich die Geschichten miteinander zu verweben und zu verfälschen.
Mehrer unterschiedliche Frauenfiguren des Lukas- und des Johannesevangeliums werden im Lauf der Geschichte zu einer Figur zusammengedichtet, und das Ergebnis ist: Maria Magdalena, die „reuige Prostituierte“.
Lukas und Markus schreiben namentlich von Maria aus Magdala und fügen bei, dass Jesus aus ihr sieben Dämonen ausgetrieben hat. (Lk 8,2; Mk 16,9) Heute versteht man diese Beifügung so, dass sie eine schwierige Vergangenheit gehabt haben könnte. Kurz davor erzählt Lukas von einer namenlosen „Sünderin“, die Jesus die Füße gewaschen, mit ihren Haaren getrocknet und anschließend mit teuren Ölen gesalbt hat. (Lk 7,36-50) Eine dritte Figur begegnet uns im Johannesevangelium: Hier ist es Maria, die Schwester der Martha und des Lazarus, die Jesus salbt. (Joh 12,1-3) Diese Maria ist jedoch eine andere neben Maria aus Magdala.
Die beiden Frauen aus dem Lukasevangelium und die andere Maria bei Johannes werden mit der Zeit als ein und dieselbe Frau gelesen, und schon wurde aus Maria aus Magdala eine reuige Sünderin – und da Prostitution als besonders schwere Sünde betrachtet wird (wir erinnern uns an die „sieben Dämonen“), ist so Maria Magdalena, die Prostituierte, geboren.
Die Alte Kirche kennt Maria Magdalena nicht nur als Sünderin, sondern seit frühesten Zeiten verehrt sie die Heilige als Erstzeugin des Auferstandenen. In allen vier Evangelien ist Maria eine der Frauen, die am Ostermorgen das leere Grab auffinden und den anderen Jüngern die Frohe Botschaft verkünden. (Mt 28,7; Joh 20,17f.)
Daher kommt auch der Titel „Apostelin der Apostel“ (lateinisch: Apostola Apostolorum), denn Apostelin bedeutet „Gesandte“, also ein Menschen, der beauftragt wird, von Jesus seiner Frohen Botschaft und dessen Auferstehung zu erzählen.
Die Wirkungsgeschichte Marias steht in diesem Spannungsverhältnis aus reuiger Sünderin und Prostituierter einerseits und Erstzeugin und Botin der Auferstehung andererseits. In mittelalterlichen Darstellungen erkennt man Maria aus Magdala oft an ihren besonders langen Haaren, mit denen sie Jesus die Füße abtrocknete und an einem Gefäß für das Öl, mit dem sie ihn salbte – auch wenn die Geschichte von der Salbung Jesu in keinem der Evangelien tatsächlich Maria aus Magdala auch nur erwähnt.
Der Roman „Sakrileg“ von Dan Brown bescherte Maria eine weitere Rolle. Im fiktiven Roman wird die These vertreten, Maria sei nicht nur eine Jüngerin Jesu gewesen, sondern sogar dessen Geliebte und Frau. Diese Darstellungen aus Film und Buch lassen sich wissenschaftlich nicht halten, haben aber eine starke Wirkung nach außen erlebt.
Papst Franziskus war es, der im Jahr 2016 einen wichtigen Schritt setzte: Er ließ den Gedenktag der Heiligen, den 22. Juli, aufwerten auf den liturgischen Rang eines Festes. Damit ist die Apostelin der Apostel in der Verehrung den übrigen Aposteln gleichgestellt. Im Dekret hebt die zuständige vatikanische Behörde die Rolle als Erstzeugin deutlich hervor.