eds (tru/mha) / Jeden Herbst kommt die Zeit der Erntedankfeste. Dieser Zeitraum geht mit der Schöpfungszeit einher, die am 1. September startet. Um diese Zeit werden Erntekronen geflochten, dekoriert und auch restauriert. „Eine geschmückte Erntekrone ist sehr häufig eine Bügelkrone mit vier bis sechs Bügeln und ein bekrönendes Kreuz ist ein übliches Zentralsymbol“, sagt Michael J. Greger, Leiter des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde. Die Erntekrone ist in den einzelnen Gauen der Erzdiözese Salzburg mit unterschiedlichen Materialien geschmückt. „Die Bügelkrone wird mit den an Ort und Stelle angebauten Getreidesorten (Hafer, Gerste, Roggen, Weizen) gebunden, zum Teil auch mit Immergrün. Zudem wird gerne zusätzlich mit Herbstblumen oder Strohblumen geschmückt. Zum Teil kommen auch Nadelgehölze wie Latschen oder Zirben hinzu, um auch das ‚almerische‘ Moment zu betonen“, erklärt Greger.
Für die Erntekrone im Seniorenheim in Bad Hofgastein ist Toni Moises jedes Jahr mit der Herstellung beschäftigt. Dabei kommen unterschiedliche Materialien zum Einsatz. „Es werden verschiedene Arten von Getreide (Hafer, Gerste usw.), Buchsbaum, Blumen und Heu zum Binden verwendet“, erzählt Moises. Die Materialien versucht man bei den Bauern vor Ort zu sammeln. Das wird leider immer schwieriger: „Mittlerweile ist es sehr schwer, Getreide im Gasteinertal zu finden und es wird deshalb meist von außerhalb zugekauft.“
Die gesammelten Materialien werden getrocknet und anschließend zu kleinen Büscheln gebunden. Diese werden dann für die einzelnen Stränge der Erntekrone verwendet. Auch Heu hat dabei mehrere Funktionen. „Das Heu wird einerseits zum Verstärken der Metallstränge verwendet und andererseits zum Füllen, falls man zu wenig Material hat“, erklärt Moises.
Die Arbeit an einer Erntekrone beginnt dabei nicht erst kurz vor dem Erntedankfest. „Es werden das ganze Jahr über Materialien gesammelt für die Erntekrone“, sagt Moises. Mit dem eigentlichen Binden wird etwa zehn Tage vor dem Erntedanktermin begonnen. Nicht immer muss eine Krone komplett neu gebunden werden – wie viel Arbeit notwendig ist, hängt stark davon ab, welche Materialien vorhanden sind und in welchem Zustand die Krone ist.
Doch diese Tradition der Erntedankfeste gibt es noch gar nicht so lang. Auch wenn sie oft wie ein Brauch wirken, der seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Eine zentrale Rolle in der geschichtlichen Überlieferung spielt die Teufelsbauer-Broschüre. Diese trägt den Titel „Erntedankfest. Vom Arbeitsbrauch zum kirchlichen Fest“. Historisch gesehen waren Erntefeste ein Brauch bei Geschäftsverhältnissen. Bezahlte Erntearbeiter überreichten dem Ackerbesitzer Erntegebinde, um im Gegenzug ein reichhaltiges Mahl zu bekommen. Bei diesem wurde getanzt und gesungen. Doch die genaue Tradition war von Hof zu Hof unterschiedlich.
Das heute kirchlich bekannte Erntedankfest entwickelte sich aber erst in den 1930er-Jahren.
Für viele Menschen ist das Fest ein Moment, um sich bewusst mit der eigenen Abhängigkeit von Natur und Schöpfung auseinanderzusetzen. Pastoralassistentin und Bäuerin Birgit Palzer-Mayer verbindet mit dem Fest vor allem Dankbarkeit und Demut.
„Für mich persönlich als Bäuerin ist das Erntedankfest ein Zeichen des Dankes – für die Ernte, dass der Almsommer gut verlaufen ist und das Vieh wieder gesund ins Tal gekommen ist“, erzählt Palzer-Mayer. Gleichzeitig erinnere das Fest daran, dass nicht alles im eigenen Einflussbereich liege. „Man kann die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen, aber letztlich liegt ein gewisser Teil nicht in unserer Hand, sondern in der Hand Gottes.“
Gerade in den kleinen Dingen des bäuerlichen Alltags gibt es besondere Aspekte: „Die Geburt eines Kälbchens ist jedes Mal ein kleines Wunder, oder wenn man sieht, wie aus einer Blüte eine Frucht entsteht.“ Das Erntedankfest sei deshalb auch eine Erinnerung daran, die Gaben der Schöpfung nicht als selbstverständlich anzusehen. „Das uns so vieles von Gott geschenkt ist. In der Natur – aber auch in unserem Leben – und nicht einfach alles als selbstverständlich hinzunehmen, sondern zu lernen, uns zu wundern und damit die kleinen und großen ‚Wunder‘ des alltäglichen Lebens zu entdecken.“
Damit verbunden sei auch die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur. „Und dass man mit der Schöpfung Gottes sorgsam umgeht, denn sie ist uns von Gott geschenkt“, betont Palzer-Mayer.
Auch für die Pfarrgemeinde hat das Fest eine besondere Bedeutung. „Für die Pfarrgemeinde ist es ein Dankeschön für die Ernte des gesamten Jahres – dies zeigt sich auch darin, dass die Bauern Erntegaben in die Kirche bringen.“ Die Erntekrone wird damit zum sichtbaren Zeichen dieses Dankes und verbindet die Arbeit der Menschen mit dem kirchlichen Fest.
„Es werden nach wie vor Erntekronen innerhalb der Erzdiözese geflochten bzw. erzeugt und verwendet, was mir zeigt, dass der Brauch durchaus lebendig und nicht museal ist“, sagt Michael J. Greger, Leiter des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde. Dies wird auch anhand der Gespräche mit jungen Menschen deutlich. Unter anderem bestätigt Magdalena Rieser, Gruppenleiterin der Landjugend Gastein: „Für mich bedeutet das Binden der Erntekrone, etwas Schönes zu gestalten und dabei die Ernte und die Arbeit dahinter zu würdigen. Es ist für mich eine schöne Tradition, die Gemeinschaft und Freunde verbindet.“
Für Palzer-Mayer steht hinter der fertigen Krone vor allem eine Botschaft, die über den eigentlichen Festtag hinausreichen soll. „Das nicht alles in unseren Händen liegt, sondern dass Gott uns die Schöpfung geschenkt hat und wir, als Menschen, in und mit der Schöpfung arbeiten dürfen.“ Die Krone könne daran erinnern, dass nicht alles allein der eigene Verdienst sei. „Das wir Gott nicht nur ein Mal im Jahr für seine Gaben danken, sondern auch im Alltag uns immer wieder daran erinnern und Danke sagen.“
Um die Erntekrone inmitten der Kirche zu bestaunen, gibt es keinen fixen Termin. „Für das römisch-katholische Erntedankfest gibt es keinen speziellen liturgischen Termin, es findet an den letzten September-Sonntagen oder den ersten Oktober-Sonntagen statt, wobei klarerweise pfarrliche Traditionen berücksichtigt werden“, erklärt Greger.
So wird die Erntekrone schließlich zu mehr als einem dekorativen Mittelpunkt des Erntedankfests: Sie steht für die Arbeit der Menschen, die Gaben der Natur und den Dank an Gott.