eds (tru) / Wenn man durch die Ausstellung LebensKunst im DomQuartier geht, fällt sofort eine kleine Figur auf. Es handelt sich um eine Leihgabe aus dem Diözesanmuseum Paderborn. Sie zeigt Franz von Assisi als „Porello“, den kleinen Armen. Die um 1700 entstandene Figur war von vornherein als bekleidete Figur gedacht. Die Bekleidung wurde allerdings im 19. Jahrhundert noch einmal ersetzt. Franziskus trägt ein zerschlissenes Gewand. Damit wird ein zentrales Anliegen seines Lebens sichtbar: die Armut. „Franziskus nahm in seine Regel auf, dass die Brüder nur minderwertige Kleidung tragen sollten. Die Figur bringt diese Armut besonders deutlich zum Ausdruck. In der weiteren Entwicklung wurden die Habite der Franziskaner allerdings nicht mehr in dieser armseligen Art getragen“, sagt Reinhard Gratz, Kurator des Dommuseums. Für Franziskus selbst blieb der Verzicht auf Besitz jedoch von großer Bedeutung.
Dabei hielt sich Franziskus streng an die Evangelien. „So wird dort von einem reichen jungen Mann berichtet, der Christus fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Christus antwortet ihm, er solle seinen gesamten Besitz verkaufen und das Geld den Armen geben. An anderer Stelle heißt es, es gehe eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel komme“, führt Gratz weiter aus.
Mit diesem strengen Armutsgebot wurde Franz von Assisi nicht immer verstanden, auch von den Kirchenoberen nicht. Bischof Guido von Assisi sprach ihn darauf an. Franziskus antwortete, wenn sie Besitz hätten, müssten sie ihn verteidigen. Dann bräuchten sie Waffen. Besitz könne der Gottes- und Nächstenliebe entgegenstehen. Deshalb verzichtete Franziskus gemeinsam mit seinen Mitbrüdern auf Besitz.
Diese Haltung des Verzichts steht auch im Zusammenhang mit seinem Blick auf die Schöpfung.
In einer Vitrine der Ausstellung befindet sich ein Codex mit dem Sonnengesang. Der Sonnengesang ist nur durch fünf Codices überliefert. In der Ausstellung ist der drittälteste zu sehen, jener aus dem Stift Sankt Florian. Der älteste Codex befindet sich in Assisi.
Der Sonnengesang gehört zu den berühmtesten Dichtungen der italienischen Literatur. Franziskus verfasste ihn relativ kurze Zeit vor seinem Tod, als er bereits sehr krank war und in San Damiano gepflegt wurde. „Trotz seiner körperlichen Beschwerden lobte er die Schöpfung. ,Laudato si‘ – gelobt seist du – beginnt der Sonnengesang“, ergänzt Gratz. Franziskus spricht darin von den Elementen und Geschöpfen der Schöpfung als Bruder und Schwester. „Er fühlt sich geschwisterlich mit der Schöpfung verbunden. Das war im Mittelalter etwas Neues. Darin kommt auch sein Respekt vor der Schöpfung zum Ausdruck. Franz von Assisi betrachtet die Schöpfung als beseelt vom Geist Gottes und als erlösungsbedürftig“, führt Gratz aus.
„Dieser Gedanke zeigt sich auch in der Überlieferung von der Vogelpredigt.“ Eine Lithografie von Franz von Zülow aus dem Jahr 1922 stellt diese Szene dar. Franz von Assisi soll den Vögeln gepredigt und ihnen gesagt haben, wie gut Gott sie ausgestattet habe: Er habe ihnen Freiheit und ein schönes Gefieder gegeben und sorge für sie, obwohl sie nicht sehen, dass er sie mit Nahrung versorgt. „Die Vögel sollen auf seine Predigt reagiert haben. Während der Predigt verstummten sie, reckten anschließend ihre Hälse und taten ihre Schnäbel auf. Sie reagierten lebhaft auf das, was Franz von Assisi ihnen sagte. Franz von Zülow stellte die Vogelpredigt sehr expressionistisch dar und brachte die verschiedenen Gebärden der Vögel ins Bild“, beschreibt Gratz.
So verbindet sich in der Darstellung des Franz von Assisi der Gedanke der Armut mit einem besonderen Blick auf die Schöpfung. „Das Leben sollte durch den Verzicht auf Besitz frei werden für das, was wichtig ist: Gottesliebe und Nächstenliebe. Der Besitz wurde als Hindernis für diese Liebe verstanden“, sagt Gratz, während er sich in der Ausstellung umschaut. Schon 800 Jahre lang pflegten die Franziskaner diese Kunst der Bedürfnislosigkeit. Die Bedürfnislosigkeit kann dazu führen, für andere Dinge offen zu sein: für die Sorge um Arme und Kranke, für die Umwelt und für die Sorgen anderer Menschen.
„Auch die Achtsamkeit für die ganze Schöpfung hängt damit zusammen, dass Franz von Assisi ein neues Bild vom Leben entwickelte. Sein Sonnengesang, seine Haltung zur Armut und seine Verbundenheit mit den Geschöpfen führen dabei zu einem gemeinsamen Gedanken: Die Schöpfung ist nicht bloß Besitz, sondern etwas, dem mit Respekt und Aufmerksamkeit begegnet wird“, sagt Gratz.